Brokeback Mountain

Brokeback MountainNo sheeps were harmed during the making of this movie – at least not if they didn’t wanted to.

Ich frage mich, wie sich Ang Lee fühlt: Freut er sich darüber, dass sein neuestes Werk gleich für acht Oskars nominiert wurde oder ärgert er sich, weil der Film in der breiten Bevölkerung nicht als ‘Brokeback Mountain’ sondern als ‘Du weisst schon, der Film mit den schwulen Cowboys’ im Gedächtnis bleiben wird?
Zu Beginn fand ich die Betonung auf die sexuellen Neigungen der beiden Hauptdarsteller ja auch etwas übertrieben, diese erste Aufregung legte sich dann aber relativ rasch, als ich realisierte, dass die von Heath Ledger verkörperte Figur ja gar nicht ‘Anus’ sondern ‘Ennis’ heisst.
Dieser durch falsche Erwartungshaltungen hervorgerufene Irrtum ist ein passendes Beispiel dafür, wie Medien einen Film ohne Rücksicht auf Verluste kategorisieren, verzerren und in ein völlig falsches Licht rücken können. Schliesslich handelt die Geschichte von ‘Brokeback Mountain’ von weit mehr als schwulen Cowboys; es geht nämlich um schwule Schafhirten, schwule Rancher und schwule Rodeoreiter. Daneben kommen auch ein paar nicht-schwule Charaktere in der Geschichte vor; Die meisten von ihnen werden von Frauen verkörpert und bei Randy Quaid bin ich mir nicht mehr so sicher, seit die Aliens aus ‘Independence Day’ mit all den Sonden an ihm herumexperimentiert haben.

Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Ang Lee einen gewissen Exotenbonus mit sich bringt, vielleicht auch an diesem Making-of, in dem er erklärt, dass die wilde Kamerafahrt durch die Küche aus ‘Eat Drink Man Woman’ durch den Anflug durch die Gräben des Todessterns aus ‘Star Wars’ inspiriert worden war, auf jeden Fall bringe ich in Ang Lee Filme meist mehr Geduld mit als in vergleichbare Streifen mit gewissem Anspruch. Bisher wurde diese für meine Verhältnisse erstaunliche Offenheit bei jeder Gelegenheit mehr als belohnt. Die unvergleichbare Atmosphäre, die er beispielsweise in ‘The Ice Storm’ geschaffen hat, beeindruckt und inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Zwar kann ich das von ‘Hulk’ nicht behaupten, der Film hat aber durchaus andere Qualitäten, die ihn von anderen Comicverfilmungen abheben; nur merkte man das vor lauter Effekten leider fast nicht.

Das Kunststück, mich während 134 explosionslosen Kinominuten im Kinosessel zu halten, gelingt ihm mit ‘Brokeback Mountain’ erneut – wenn auch mit gewissen Abstrichen. Mit fast mystischen Bildern der ebenso rauen wie wunderschönen Landschaft kreiert er eine solch intensive Stimmung, dass es nur noch den passenden Soundtrack braucht, damit am warmen Lagerfeuer auch dem abgebrühtesten Marlboro Man mal nach kuscheln zu mute wird.
Dabei bin ich mir auch bei den grandiosen Hauptdarstellern Jake Gyllenhaal und Heath Ledger nicht ganz sicher, wie sie es angestellt haben. Aber die für die beiden wahrscheinlich eher neue Herausforderung, das Liebespaar in einer für Hollywood ungewohnten Amour fou glaubhaft und unaufdringlich darzustellen, meistern sie ebenso unauffällig wie überzeugend. Ich denke, der einzige Grund, warum nur Ledger, nicht jedoch Gyllenhaal für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert wurde, liegt nur daran, dass [Spoiler] Jack Twist einfach zu früh abtritt und nicht einmal eine dramatische Sterbeszene kriegt [/Spoiler].
Gegen Ende weichte dann meine anfängliche Begeisterung über die ruhigen Bilder und die erstklassigen Schauspieler leider einer gewissen Langeweile, da sich die Story irgendwie im Kreis zu drehen schien.

Zum Schluss war ich zwar enttäuscht, dass bei einer Spielfilmlänge von mehr als zwei Stunden weder ‘YMCA’ noch ‘I will survive’ für den Soundtrack berücksichtig worden waren. Kurz darauf wich meine Enttäuschung aber einem Anflug von Erleichterung, als ich las, dass da eine Kurzgeschichte und kein ausgewachsenen Roman verfilmt worden war, denn so was kann ganz schnell zu weiteren Überlängen oder einem Sequel führen.

Bei aller Homophobie bleibt, nachdem die letzten Bilder des Abspanns den Projektor passiert haben, vor allem eine Frage im dunklen Kinosaal zurück: Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Schafhirte? Es ja kann ja auch jemand anderes als Heath Ledger sein.

Archives | First published Feb 19, 2006

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