Capote

CapoteIn cold blood – On empty stomach.

Manchmal liebe ich es, ein Arschloch zu sein. Ziel des Samstag Nachmittags wäre eigentlich gewesen, mich kurz zu verköstigen und dann nach getanen Speis und Trank in Ruhe endlich eine Kritik zu ‘Capote’ und vielleicht sogar zu ‘Syriana’ zu verfassen. Nachdem ich jedoch beim Italiener fast eine Viertelstunde erfolglos auf ein Lebenszeichen einer Bedienung gewartet hatte, kam mir, inzwischen doch etwas ungeduldig und genervt, eine Idee, die ich umgehend in die Tat umsetzen sollte:
Als sich die Frau Oberin endlich dazu herunterliess, mich zu berücksichtigen, entschied ich mich spontan (na gut, ich hatte ja mehr als genug Bedenkzeit) dazu, nun doch nichts zu essen, sondern bestellte nur grimmig einen Kaffe und ein Glas Wasser (welches ich nie zu Gesicht, geschweige denn zu den Lippen bekommen sollte) und zahlte auch gleich den geforderten Betrag – auf den Rappen genau, weil es laut angaben der Kellnerin gerade zu wenig Münzgeld im Umlauf war.
Die Essutensilien vor mir wurden daraufhin leicht verwirrt zur Seite geräumt, worauf ich genüsslich mein kleines schwarzes Moleskine Notizbuch (der Kenner liest weiss, das ist das Notizbuch, in das angeblich schon Van Gogh, Hemingway oder Matisse geschrieben haben sollen. Meines war zwar leer, als ich es kaufte.), in das ich meine Kritiken zu schreiben pflege. FILM Kritiken versteht sich, nicht Gastrokritiken. Aber das weiss ja die überforderte Dame in weiss nicht. Als warf ich erneut einen kritischen Blick in meine Kaffeetasse und begann mit hochgezogenen Augenbrauen zu schreiben. Hätte ich meine schwarzgerandete Brille mit mir gehabt, hätte ich diese wohl kurz von der Nase genommen, sie poliert und mich kopfschüttelnd geräuspert. Auch ohne dieses unverzichtbare Utensil der intellektuellen Kaste liess ich es mir nicht nehmen, ab und zu einen bösen Blick in Richtung Kasse und auf die gedeckten Tische zu werfen, nur um den Moment noch ein wenig auszukosten.
Vom Hunger schon sichtlich geschwächt, hoffte ich geradezu, sie würde noch einmal an meinen Tisch kommen, um mich zu fragen, ob ich denn noch etwas bestellen möge, nur um ihr ein vernichtendes ‘Nein, jetzt mog ich auch nicht mehr!’ entgegenzuschmettern.
Während ich also meine Gedanken zu ‘Capote’ niederschrieb, mit fuchtigem (schönen Dank an den Thesaurus) Blick und von einem in newton’schen Universum nicht mehr messbaren Blutzuckerspiegel gezeichnet, liess ich sie noch eine Weile in ihrem eigenen Saft schmoren – kaltblütig – bevor ich mit letzter Kraft auf den Weg zur nächsten, hoffentlich gastfreundlicheren Taverne machte.

Nach eben beschriebenen prägenden Ereignissen sah ich die in ‘Capote’ geschilderten Ereignisse mit völlig anderen Augen. Erst jetzt erfasste ich die Tragweite der Begegnung zwischen dem Schriftsteller und Perry Smith und den schicksalhaften Gegebenheiten, die darauf folgen sollten.
Es ist dem Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman’s genialem kongenialen ingeniösen mehr als gutem Spiel zu verdanken, dass man sich auf die doch wohl ebenso treffende wie gewöhnungsbedürftige Interpretation des exzentrischen (O-Ton: ‘Ich bin süchtig. Ich bin Schwul. Ich bin ein Genie‘.) Schriftstellers überhaupt einlässt. Hat man sich jedoch einmal an die eigenwillige, schwer einzuordnende Figur und vor allem an ihre näselnde Fistelstimme gewöhnt, eröffnet sich dem Zuschauer ein interessantes Stück amerikanische Literaturgeschichte.
Die treibende Kraft des Dramas bleibt dabei bis zum Schluss das moralische Dilemma, in das Capote immer stärker hineingezogen wird und das ihn schliesslich vollends einnimmt. Die daraus entstehende Konfrontation mit den eigenen Moralvorstellungen und voyeuristischen Neigungen des Zuschauers mag zu Beginn zwar faszinierend und interessant sein, vermag aber nicht über die gesamte Spielfilmlänge zu fesseln.
Zudem bleibt trotz Hoffmans gekonntem Spiel das Gefühl zurück, bei der Zeichnung des zweifellos komplexen Charakters Capote’s sei so manches unter den Tisch fallen gelassen worden.
Den Oscar mag ich Philip Seymour Hoffman gönnen, obwohl ich persönlich Joaquin Pheonix den Vorzug gegeben hätte. Wenn schon nicht für ‘Capote’, dann hat Hoffman ihn verdient für seine unzähligen und unverwechselbaren Nebenrollen, die er über die Jahre so einzigartig verkörperte. Auf jeden Fall darf man gespannt sein, was Hoffman als Bad Guy in ‘Mission: Impossible 3’ für eine Figur machen wird.

Archives | First published Mar 11, 2006

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