Collateral

CollateralEs gibt ja Hollywood-Schauspieler, die erklären jedem, den es interessiert (und auch allen anderen), wie sie sich bei der Rollenwahl bemühen, möglichst nicht in diese kleinen Besetzungsschachteln gesteckt zu werden. Wir Zuschauer sind natürlich jedes Mal erleichtert, wenn wir dieses Statement aus dem sprachfähigen Kopfloch eines Hollywood-Schauspielers hören. Solche Einblicke in die Abgründe einer Schauspielerseele sind ja meist unglaublich informativ, etwa wenn uns [beliebigen Schaupielernamen einfügen] erklärt, wie familiär doch die Atmosphäre beim Dreh von [passenden Filmtitel einfügen] war. Oder wenn uns Bruno Ganz im TV-Interview zum zehntausendsten Mal erklärt, wie er die Rolle des Hitlers nicht mehr ausschlagen konnte, nachdem seine Ähnlichkeit zum deutsch-österreichischen Austauschdiktator schon so offensichtlich zum Vorschein kam, als er nur Perücke und Waffenrock anprobiert hatte.

So ist es verständlich, dass auch ein Schauspieler von der Grösse,… oder besser vom Kaliber eines Tom Cruise’ zur Abwechslung mal einen ganz neue Art von Charakter spielen möchte. Nach ‚Collateral’ hat er nun schon ganze zwei Charaktere im Repertoire: Die des philosophierenden Killers und eben die des arroganten, kaltschnäuzigen Egomanen, der sich zum liebevollen Gutmenschen mausert. Mit dieser Cruise’schen Wandlung vom Saulus zum Paulus verdient Tom Cruise nun schon seit zwei Jahrzehnten seinen Lebensunterhalt.
Zu behaupten, Cruise’s Rollen in seinen vergangenen Filmen beschränkten sich auf den ewig gleichen Charakter in verschiedenen Variationen wäre natürlich falsch und übertrieben. Doch weit davon entfernt, ein eigenes Genre aus dem ganzen zu machen, ist der Star nicht mehr, denn die Mehrzahl seiner bekanntesten Rollen lassen mehr oder weniger tatsächlich auf das Cruise’sche Prinzip zurückführen: Legend, Top Gun, Rain Man, Days of Thunder, A Few Good Men, Jerry Maguire, Eyes Wide Shut, Magnolia, Vanilla Sky, The Last Samurai: Ein arrogant grinsender Erfolgsmensch fliegt bös auf die Schnauze, macht dann eine Weile ein etwas betroffenes, ernst dreinblickendes Gesicht, um am Ende als ganz neuer Mensch weiterzugrinsen.
So gesehen wurde Tom Cruise in ‚Collateral’ wirklich mal gegen den Strich besetzt. Vincent, der ebenso nette wie ergraute (dieses Wort gehört einfach in eine anständige ‚Collateral’-Kritik) Auftragskiller mit philosophischen Ambitionen ist zur Abwechslung mal eine Figur, die in Cruise’s Filmographie seinesgleichen sucht.
ABER: Offensichtlich spielt es überhaupt keine Rolle, ob Cruise nun einen Auftragskiller oder einen Geheimagenten oder sonst was spielt. Das Grinsen bleibt. Und mit dem Grinsen bleibt auch Tom Cruise immer derselbe. Das ist an sich ja an sich auch nicht so schlimm. Nur wird dadurch der Story, Dramaturgie und Glaubwürdigkeit von ‚Collateral’ nicht gerade ein Gefallen getan: Durch die Präsenz und Sympathie, die Cruise nun mal ausstrahlt, wird der Bad Guy Vincent zur Hauptidentifikationsfigur und verdrängt Max, seinen Antipoden. Damit gerät der Film, dessen Triebfeder wohl eben diese teuflisch-verführerische Freundlichkeit und die angedeutete unmögliche Freundschaft zwischen Täter und Opfer (Stockholm-Syndrom?) gewesen wäre, aus dem Gleichgewicht. Der Bösewicht ist einfach zu nett und Jamie Foxx als Max kann trotz seiner soliden schauspielerischen Leistung nichts daran ändern.
Zu Beginn wirkt ‚Collateral’ ohnehin wie ein Buddy-Movie, in den auch Mel Gibson und Danny Glover gepasst hätten. Wenn Vincent gegen Schluss endlich so richtig böse wird und auf Max losgeht, ist der Film leider schon fast vorbei und man fragt sich, ob die beiden denn nicht einfach wieder lieb miteinander sein können.
Collateral ist somit ein perfekt gestylter Thriller, der immer noch um Klassen besser ist als der üble Durchschnitt, der sonst in die Kinos gespühlt wird. Im unvermeidlichen Vergleich mit Michael Mann’s Meisterwerk ‚Heat’ schneidet er jedoch schlecht ab und man wünscht sich, die der ganze Film sässe so gut wie Tom Cruises Anzug.

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