Stay

StayAbt.: Die langen Beine des E. McGregor

Oh Mann, wie ich damals ‘Monster’s Ball’ hasste. Ich weiss bis heute nicht, ob es an meiner persönlichen Einstellung an besagtem Tag oder an Halle Berry lag, die ich nun mal einfach nicht schmöken kann. Ich glaube, ich bewertete den Film damals nicht einmal auf nidwirkli.ch, die wohl schlimmste Erniedrigung für einen Film…
Oh Mann, wie ich es Marc Forster gönne, dass er in Hollywood Fuss fassen konnte und uns darum Filme wie ‘Stay’ bescheren kann. Ein Quäntchen Nationalstolz schwingt dabei wohl auch mit, obwohl ich vorhin erfahren musste, dass Forster gar nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland geboren wurde. Aber das kann ja passieren. Schliesslich war der erste Oscar-Preisträger als bester Schauspieler Emil Jannings im Jahre 1929 (für ‘The Last Command’) ebenfalls ein gebürtiger Schweizer, der später aber seine Schauspielkünste weniger in schwarz-weissen als in braunen Produktionen unter Beweis stellen sollte. Aber das kann ja passieren, schliesslich musste ich vor einiger Zeit erfahren, dass das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche früher für kurze Zeit auch eher braune als purpurne Uniform getragen haben soll. Aber das kann ja passieren, schliesslich…, aber lassen wir mal gut sein.

Im Grunde ist der wahre Verdienst Forsters, einen solch phantastischen Film wie ‘Stay’ in der Verkleidung eines Thrillers überhaupt in die Kinos zu bringen.
Obwohl jeder, der das Pech hatte, schon mal mit mir über das Thema zu diskutieren, weiss, wie ich Videokunst hasse, wäre ‘Stay’ genau das, was ich von dieser Sparte der Kunst erwarten würde: Video UND Kunst – Visueller Overkill (nicht negativ gemeint), wunderschöne Schnitte, Übergänge, und Arrangements wie aus dem Lehrbuch für … na eben, aus dem Lehrbuch ‘Videokunst wie sie sich der Host vorstellt im 21. Jahrhundert’. Dazu nicht irgendwelche verwirrte egozentrischen Künstler, die sich ständig nur nackt abfilmen, weil sie erstens provozieren wollen und zweitens leider keine Freunde mehr haben, die sie ablichten könnten, sondern der unvergleichliche Ewan McGregor, dessen schalkhaftes Grinsen aus ‘Down with Love’ ich gerne mit dem von Peter Sellers in ‘Casino Royale’ vergleiche. Auch der unverwechselbare Brian Gosling, der mir bis anhin unbekannt war und den ich beinahe mit Ben Foster aus ‘Six Feet Under’ und ‘X-Men 3’ verwechselte, scheint mir eine Erwähnung als superber Actor wert zu sein. Am liebsten würde ich ja den Begriff ‘Mindfuck‘ als treffendste Beschreibung von ‘Stay’ benutzen, leider käme die Verwendung jedoch Diebstahl geistigen Eigentums gleich, da ich den Begriff in Zusammenhang mit ‘Stay’ gestern auf www.outnow.ch gelesen habe. Drum versuche ich meine (nicht ganz unbegrenzte) Begeisterung in eigene Worte zu fassen:

Was viele Kritiker und Gäste von ‘Stay’ als negativ bewerten, scheint mir, nebst der visuellen und handwerklichen Umsetzung des Filmes DER Pluspunkt des Filmes zu sein: Die Story lässt (zumindest bei einmaligem Anschauen des Filmes) keine eindeutige Interpretation zu, was denn überhaupt geschehen ist. Zumindest nicht sofort. Denn wenn man sich ein wenig überlegt, was man denn eigentlich gerade auf der Leinwand gesehen hat (und als Homo Oeconomicus, nein das hat jetzt nichts mit ‘Brokeback Mountain’ zu tun, will man ja wissen, ob der Ticketpreis eine gute Investition gewesen ist oder nicht), stellt man fest, dass man so ziemlich jede Theorie, die einem im Rahmen der Logik des Filmes in den Sinn kommt, zulassen könnte. Einerseits wirkt das verunsichernd, andererseits zeichnet das den Film aus und gibt im in der Kategorie ‘Kinoerlebnis’ mindestens so viel Punkte wie er für die visuelle Umsetzung erhalten würde.

Da diese Art des Thrillers (obwohl ich mir nicht einmal sicher bin, ob dies für ‘Stay’ die treffendste Bezeichnung ist) durch seine Einladung zur mehr oder weniger freien Interpretation der Story nicht die ohrfeigende Wirkung hat, wie man sie am besten in ‘Fight Club’ oder ‘The Sixth Sense’ erleben durfte, beansprucht der Film am Ende durch einen formal und inhaltlich überraschend klaren Schluss für sich, nicht nur ein verwirrender, kruder Mix ohne Sinn und Plan zu sein, sondern vermittelt den Eindruck, dass sich auch in diesem, für das Publikum ziemlich verunsichernde Vexierspiel zwischen Sein und Schein, Leben und Tod eine klare Idee und eine eindeutige Auflösung verstecken – wenn man sie nur erkennen würde. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass hinter ‘Stay’ eine perfekte, sehr wohl Sinn machende und, einmal durchschaut, simple Geschichte steckt, deren Umsetzung von Marc Forster eine zusätzliche, wertvolle Ebene erhalten hat, nämlich die der Illusion der Offenheit und Unverbindlichkeit.
Kombiniert mit der kunstvollen handwerklichen Präsentation der Geschichte und den exquisiten Schauspielern ergibt sich daraus ein Leckerbissen, auf den man sich auf jeden Fall einlassen sollte.

Archives | First published Mar 25, 2006

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